Henry van de Velde (1863-1957)

Als Architekt den Grundstein für den Bauhaus-Welterfolg gelegt

Architekt Henry van de Velde (1863-1957) war um 1900 der Shooting-Star unter den europäischen Gestaltern. Er führte maßgeblich die Revolution gegen den historisierenden Geschmack des ausgehenden 19. Jahrhunderts und formte, beeinflusst durch die europäische Avantgarde in Brüssel, Paris und London sowie japanische und amerikanische Kunst, den „Neuen Stil“.

„Vernunftgemäße Schönheit“, „Bedürfnisse des modernen Menschen“, „Materialgerechtigkeit“, „die Form – Resultat aus Funktion und modernen technischen Möglichkeiten“ waren die Prinzipien des belgischen Architekten und Designers.

1902 gründete van de Velde das Kunstgewerbliche Seminar (die spätere Kunstgewerbeschule) in Weimar. Hier hatten die Schüler neben der künstlerischen Ausbildung eine praktisch – handwerkliche Lehre in Werkstätten, beispielsweise Weberei, Tischlerei, Metallwerkstatt, Druckerei und Buchbinderei zu absolvieren. Die Grenze zwischen freier und angewandter Kunst war aufgehoben. Ziel van de Veldes war das „Gesamtkunstwerk, welches in der Architektur gipfelt“. Später formulierte der Bauhausdirektor Walter Gropius: „Architektur, Bildhauerei und Malerei sollen zum Handwerk zurück geführt werden und den Bau der Zukunft gestalten“.

Als van de Velde 1917 Thüringen infolge des 1. Weltkrieges als „feindlicher Ausländer“ verlassen musste, hatte er programmatisch, praktisch und pädagogisch den Grundstein für den Welterfolg des späteren Bauhauses gelegt und Walter Gropius als seinen Nachfolger geworben.

Die Spuren, die Henry van de Velde in Thüringen hinterlassen hat, sind unübersehbar. Haus Schulenburg in Gera ist ein Meisterstück des Architekten. Seit 1996 ist die denkmalgeschützte Villa des einstigen Textilfabrikanten Paul Schulenburg wieder in Privatbesitz und für Besucher zugänglich. Haupthaus, die kulturhistorisch wichtigen Salons sowie Innenräume, das Nebengebäude mit Garage, Durchfahrt, Innenhöfe und Garten haben den Glanz von 1913/14 – eine großartige Kulisse für Ausstellungen, Konzerte, Kabarett, Lesungen und private Veranstaltungen.

Van de Velde hob das Design von mehr als 20 Thüringer Handwerks- und Industriebetrieben auf ein internationales Niveau. Am Beispiel der Keramikproduktion in Bürgel bei Jena wird der Einfluss dieser künstlerischen Beratungstätigkeit sichtbar. Keramik mit klaren Formen, lebhaften Farben und raffinierten Glasuren lösten grau blaue Töpferware und ornamental überladene Keramik ab.

Auch die Thüringer Buchkunst erhielt durch ihn neue Impulse. 1908 richtete van de Velde an der Kunstgewerbeschule eine Buchbinderwerkstatt ein, dessen Leitung er dem späteren „Bauhausbuchbinder” Otto Dorfner übertrug. Bis 1923 war Dorfner am Bauhaus tätig, später gründete er eine eigene Buchbinderschule und den Reiher Verlag in Weimar. Dorfner gab unter anderem limitierte Graphikzyklen von Walter Klemm heraus. Klemm lehrte von 1919 bis 1922 am Bauhaus.

Van de Velde-Schüler Thilo Schoder war als Architekt und Kunstgewerbler eng mit der Stadt Gera verbunden. Bereits 1916 wurde er Chefdesigner bei der Fahrzeugfirma Traugott Golde. Vor 1920 entstanden zukunftsweisende Entwürfe für namhafte Automobilfirmen zum Beispiel Austro Daimler. Als Vertreter des Neuen Bauens hatte er in Gera ein vielgestaltiges und reichhaltiges architektonisches Werk realisiert, während das Bauhaus in Weimar noch nicht über das „Haus am Horn” hinaus gekommen war. In Zusammenarbeit mit Otto Dorfner schuf er eine Reihe bedeutender Bucheinbände. Am Bau von Haus Schulenburg war Thilo Schoder als Bauleiter beteiligt.